Rußland, Held des Tages

Der dritte Tag beginnt, wie alle anderen, sehr zuversichtlich. Gut, die Mücken nerven aber das kennen wir ja schon. Ich konnte nicht wirklich gut schlafen, da bei jeder Bewegung die Beine schmerzten. Etwas entkräftet geht es dann los Richtung Ruzaevka. Auf dem Weg dorthin gibt es eine Straßenbaustelle. Die Bauarbeiter begrüßen mich herzlich und ich halte auch an für einen kleinen Plausch. Die Bauarbeiter umstellen mich recht schnell, während einer neben mir immer mit seinem Finger auf den Hals zeigt. „Vodka!Vodka!“ Ach, heute nicht. Ich muss ihm das ungefähr 10 mal sagen. Ein anderer erzählt mir von seinem Freund, der an einem Tag mit dem Fahrrad von Kostanai nach Astana (ca. 500 km) gefahren ist und nur eine Flasche Vodka mit dabei hatte. Ähm…ja. Ich sage, dass ich Sportler bin und nicht trinke. Sie fragen mich daraufhin, ob ich ein Boxer bin. Ich? Ein Boxer? Die alten Schmeichler.

Nach der Baustelle sehe ich wilde Pferde. Es sind keine gehaltenen Pferde, keine gezähmten Pferde und auch keine Wildpferde, die zu jemandem gehören. Richtig wilde unkontrollierte Pferde. Die tummeln sich hier einfach auf der Straße herum. Es ist schon beeindruckend, wenn man an solchen wilden Kreaturen vorüber fährt.

Dann komme ich endlich nach Ruzaevka. An einer Tankstelle decke ich micht erst einmal mit Kekse und Wasser ein. Alle Kunden der Tankstelle kommen auf mich zu, wollen wissen wer ich bin, wohin ich fahre und noch unbedingt ein Foto mit mir machen. Für so nette Gastgeber posiere ich doch gern. Die Kekse geben mir die richtige und wichtige Motivation weiter zu fahren.

Doch dann geht das Unglück los. Leichte Schauer am Horizont, dicke schwarze Wolken am Himmel. Ich fahre also schnell an die Seite ran und ziehe mir die Regenkleidung über. Ich kenne das ja schon. Und dann fängt es an wie aus Kübeln zu schütten. Aber gut, das kenne ich ja auch schon. Dann wird die Straße schlechter. Laut einem Hinweisschild für 15km. Da geht die anfängliche Motivation der Kekse recht zügig flöten. Die Knieschmerzen kommen wieder, bei jedem Schlagloch, bei jedem erneuten in die Pedale treten, bei jeder einzelnen Bewegung. Und dann noch Gewitter. Gewitter in der Steppe kennste nicht? Erklär ich dir!

Steppengewitter: Du schaust nach links und siehst nichts außer den Horizont. Du schaust nach rechts, dort genau das gleiche. Die Wolken sind dunkel schwarz, so weit das Auge reicht. Es sieht so aus, als wären die Wolken auf die Erde heruntergefallen und würden nun über die Einöde kriechen. Du erinnerst dich an Asterix, wo man immer Angst hatte, dass einem der Himmel auf den Kopf fällt. Nun verstehst du die Angst. Plötzlich ein greller Blitz. Du weißt nicht, wo er eingeschlagen hat. Du selbst bist noch am Leben und das ist gut so. Dann der Donner. Dieser Donner, unvorstellbar. So laut und weitreichend, dass man denkt er habe einmal die Erde umrundet.

Und in solch einem Gewitter fahre ich auf meinem Fahrrad durchs Nichts. Ich springe schnell vom Fahrrad und hocke mich irgendwo hin. Ein paar größere Bäume stehen zwar in der Nähe, können mir allerdings nicht gefährlich werden. Und so hocke ich und hoffe ich. Dann hält ein LKW an. Ein Typ steigt in strömenden Regen aus, zündet sich eine Zigarette an und wir kommen ins Gespräch. Zu dem Zeitpunkt hocke ich natürlich nicht mehr, auch wenn das Gewitter noch nicht vorbei ist. Sieht ja sonst aus, als würde ich mein Geschäft dort verrichten. Der Fahrer gibt mir seine Adresse in Astana und lädt mich zu sich nach Hause ein. Dann guckt er mich noch einmal an, schüttelt den Kopf und verschwindet lachend in seinem LKW. Vor mir liegen weitere 12 km Schlaglöcher, Schmerzen und Regen. Habt ihr schon mal so viel geschrien, dass ihr davon erschöpft ward? Ja, das geht. Als die Schlaglöcher aufhören, bietet mir eine Frau mit großem Auto an mich mitzunehmen. Ich verneine und bedanke mich. Der scheiß Stolz mal wieder. Durch den vielen Regen ist mein Schlafsack komplett durchnässt. Ich kann diese Nacht also nicht zelten. Ich muss in die nächste Stadt. Das ist Saulmalkol. Die ist ca. 70 km von Ruzaevka entfernt. Da muss ich hin, es führt kein Weg vorbei.

Am Abend zeigt sich dann für kurze Zeit die Sonne. Die Landschaft wird etwas hügelig und sehr schön. Wirklich, dort hätte ich gern übernachtet. Doch es kommt anders.

Auf der Straße nach Saulmalkol hält wieder einmal ein Autofahrer an, um mir die typische „Woher-Wohin“- Frage zu stellen. Dieser Typ ist allerdings so begeistert von mir, dass ich für seine Freundin (die Englisch-Lehrerin ist) eine Grußbotschaft ins Handy sprechen soll. Ich komme mir dabei schon etwas dämlich vor. Aber er freut sich darüber. Sein Name? Rußland. Ja, wirklich. Ich frage ihn nach einem Gästehaus in Saulmalkol und er empfiehlt mir eins. Ich bin froh, dass es da überhaupt eins gibt. Dann besteht er darauf, dass ich ihn unbedingt anrufen soll, wenn ich im Hotel bin. Okay. Dann verschwindet er wieder. 15 km noch bis Saulmalkol, laut Rußland. Das sind sehr lange 15km, denn die letzten Meter ziehen sich ja bekanntlich immer in die Länge. Und wie ich mich so abschinde kommt mir ein Auto entgegen, was mir bekannt vorkommt. Rußland ist noch einmal zurückgekommen, um mich in die Stadt zu schaffen. Doch vorher soll ich noch einmal mit seiner Freundin sprechen. Während uns die Mücken bei lebendigem Leibe aussaugen, stehe ich mit seinem alten Nokia in der Pampa und versuche mit Julia englisch zu sprechen. Das geht nicht wirklich gut, aber einen Versuch war es wert. Ich nehme mir vor, beide später in meinem Hotel zum Essen ein zu laden. Aus Dankbarkeit. Wir schnallen mein Fahrrad auf sein Auto, binden es sporadisch fest und los geht es. Ob ich denn den Autohersteller Lada kennen würde. Ich versuche ihm in gebrochenem russisch-englisch zu erklären „Klar man, ich komme aus der DDR!“ Das Auto sieht aus, als wäre es direkt nach der Wende nach Kasachstan geschafft worden. Es ist voller Mücken aber dieses Mal sorge ich mich eher um den nicht funktionierenden Anschnallgurt und Rußlands Fahrweise. Wir kommen in die Stadt, biegen in einen Sandweg ein, fahren durch viele Schlaglöcher, noch einmal scharf rechts, hinter einem Café versteckt liegt das Gästehaus. Hier finden sicherlich nur die Leute hin, die persönlich von Rußland her gefahren werden. Die Dame an der Rezeption ist über meine geringen russisch-Kenntnisse nicht gerade begeistert. Trotzdem bietet sie mir das Standard- und das Luxuszimmer an. Ich wähle das Luxuszimmer für 20€. Nach W-Lan frage ich erst gar nicht. Mit dem Essen für Rußland und Julia ist es auch Essig, denn ein Restaurant hat das Hotel nicht. Und selbst wenn es eines gehabt hätte, hätte ich nicht meinen persönlichen Held des Tages dorthin eingeladen. Am Abend sehe ich aus dem Fenster und sehe einen wunderschönen Regenbogen. Der sollte prophezeien, dass der nächste Tag ein guter werden würde.

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